Neuer Obstanger in Lackenbach angelegt

Eine positive Zwischenbilanz zogen die Ökomodellregion Waginger See-Rupertiwinkel und der Landschaftspflegeverband Traunstein bei der jüngsten Baumpflanzaktion, die im Kirchanschöringer Ortsteil Lackenbach stattfand: Die Hälfte der 1500 Obstbäume, die die beiden Vereinigungen seit Gründung der Ökomodell-Region im Jahr 2014 neu setzen lassen wollten, sind geschafft. Ende vergangener Woche wurde mit dem Pflanzen des 750. Streuobsthochstammes die wichtige 50-Prozent- Schwelle überwunden. „Eine super Halbzeitbilanz“, waren sich Marlene Berger-Stöckl von der Ökomodellregion und Carsten Voigt vom Landschaftspflegeverband einig. Die beiden trafen sich auf dem Anger der Familie Poller in der Finkenstraße, auf dem gerade 19 Schüler der Staatlichen Berufsschule Traunstein III der Fachrichtung Gartenbau eine neue Obstwiese mit 16 jungen, wuchsfreudigen Hochstamm-Bäumchen anlegten. Damit unterstützte die Schule den Verband und die Region, die sich intensiv und fortlaufend für den Erhalt der bestehenden Obstanger und -gärten und deren Neuanlage einsetzen und sich um alles dafür Nötige kümmern.

Auf Wunsch der Familie von Alexandra und Markus Poller hatte Carsten Voigt auf deren Grundstück diese jüngste Pflanzmaßnahme organisiert. Dort durften die Schüler dann einen Vormittag lang ihre Fertigkeiten ausprobieren. Zunächst erfuhren die angehenden Landschaftsgärtnerinnen und -gärtner von Carsten Voigt und ihrem Klassenleiter, Manfred Meier, sowie von ihren Fachlehrern, Josef Sieber und Klaus Herold, alles Relevante zur Neuanlage, Pflege und Entwicklung einer Streuobstwiese. Überdies erhielten sie eine ausführliche Pflanzanleitung, die optimales Anwachsen garantiert. Danach hatten alle Gelegenheit, ein Pflanzloch auszustechen, einen Wühlmauskorb aus Drahtgeflecht korrekt einzubringen, Stützpfähle einzuschlagen, das Bäumchen anzupflocken, damit es ein stabiles Wurzelwerk bildet, und hölzerne Verbissschutz-Manschetten anzulegen.

Neben dem Vermitteln von Kenntnissen und Fertigkeiten wolle man den Schülern auch den unschätzbaren Stellenwert von Streuobstwiesen näherbringen. Da gerade diese Bäume das Biotop Streuobstwiese so einzigartig machen, indem sie vielen Tierarten, wie etwa Fledermäusen, Spechten, Staren, Schleiereulen oder Steinkäuzen, aber auch Hornissen einen Lebensraum bieten, ist das Nachpflanzen von jungen Bäumen wichtig, damit es noch in 30 bis 40 Jahren alte, knorzige Bäume gibt, die solche Tiere vor dem Aussterben bewahren. „Landschaftspflege macht man immer für Mensch und Natur“, hieß es.

„Für die Pflanzung der Obstbäume ist der Herbst am günstigsten, allerdings darf der Boden noch nicht gefroren sein. In dieser Zeit haben die Bäume das Laub bereits abgeworfen und es regnet meist genug, sodass die Setzlinge nicht zusätzlich gegossen werden müssen“, sagte Voigt. Die Tochter des Hauses- die sechsjährige Johanna Poller- zeigte sich im Vorfeld aber etwas enttäuscht, denn sie hatte „Bäume mit richtigen Blättern erwartet“.

Dann bestätigte Voigt, dass der Landschaftspflegeverband ein besonderes Augenmerk auf die Auswahl standortgerechter und robuster sowie heimischer Obstsorten legt. „Wir wollen die Vielfalt an Sorten erhalten.“ Heutzutage seien nur noch rund 400 Arten bekannt, während es einst in Bayern rund 2000 verschiedene gegeben habe. So pflanzte man auf dem neuen Anger in der Finkenstraße neben zwei Birnen (die anspruchslose „Pastorenbirne“ und die Sommerbirne „Bunte Julibirne“) und vier verschiedenen Zwetschgen, wie etwa die Hauszwetschge und die Gelbe Spilling, auch Apfelsorten mit wohlklingenden Namen. Darunter waren der Winterapfel „Himbeerapfel von Holovous“, der „Lavanttaler Bananenapfel“ und der „Waginger Kalvill“.

Nach getaner Arbeit gab es für alle eine Brotzeit, gestiftet von der Familie Poller.


Schüler der Staatlichen Berufsschule Traunstein III der Fachrichtung Gartenbau, die soeben eine neue Obstwiese angelegt haben, mit ihren Lehrern, der Eigentümerin des Angers, den Vertretern des Landschaftspflegeverbandes und der Managerin der Ökomodellregion (von links), Bild von Anneliese Caruso.

Interessenten, die eine Obstwiese anlegen oder durch Nachpflanzungen ergänzen möchten, können sich in der Geschäftsstelle des Landschaftspflegeverbands Traunstein bei Carsten Voigt unter Telefon 0861/583 93 melden, oder bei der Ökomodellregion unter 08681/ 4005- 37.

Als zuständige Fachstelle wickelt der LPV alle Förderanträge ab. Denn sowohl die Bäume (mindestens acht) als auch das notwendige Zubehör werden zu 70 Prozent vom Freistaat und zu 30 Prozent vom Landschaftspflegeverband gefördert. Der Verband lichtet zudem alte Baumbestände aus.

Im Übrigen übernimmt der Landschaftspflegeverband unter der Federführung von Jürgen Sandner seit heuer auch die Bio-Sammelzertifizierung von Streuobst. Dadurch kann das (Bio-) Obst zu einem deutlich höheren Preis an regionale Keltereien verkauft und somit die Wertschöpfung erhöht werden. Man kümmert sich um alle notwendigen Formalitäten mit der Bio-Kontrollstelle. So muss sich nicht mehr jeder einzelne Obstgartenbesitzer damit auseinandersetzen. Auch hier arbeiten LPV und Ökomodellregion Hand in Hand. Mitmachen können Landwirte, die für ihren Betrieb kein Bio-Zertifikat haben, private Eigentümer von Streuobstwiesen, Kirchenstiftungen oder auch Kommunen. Wichtige Kriterien: Die Bäume dürfen in den vergangenen Jahren weder mit Spritzmitteln noch mit leicht löslichem Mineraldünger behandelt worden sein. Für die Streuobstwiesenbesitzer ist die Aktion kostenfrei.

Ein Bericht von Anneliese Caruso (Südostbayerische Rundschau vom 15.11.2018).

Eingangsbild: Schüler der Staatlichen Berufsschule Traunstein III der Fachrichtung Gartenbau, die soeben eine neue Obstwiese angelegt haben, mit ihren Lehrern (von links): Tristan Mayer, (ein Name fehlt), Johanna Küster, Paul Gruber, Magdalena Gasteiger, Sebastian Maier, Maximilian Huber, Ardian Murturi, Sebastian Kirchner, Josef Sieber, Martin Niedermaier, Klaus Herold, Robert Winichner, Bild von Anneliese Caruso. 

Baumpflanzungen zum Tag des Baumes

Im Rahmen des Projekts „Baum des Jahres“ der Integrierten Ländlichen Entwicklung (ILE) Waginger See – Rupertiwinkel pflanzt jede Gemeinde öffentlichkeitswirksam z.B. gemeinsam mit den Grundschul- oder Kindergartenkindern zum „Tag des Baumes“ einen „Baum des Jahres“.

Baumpaten leisten wertvolle Pflegearbeiten

Die Erziehung und Pflege von Streuobstbäumen macht Arbeit, aber auch sehr viel Freude – das verdeutlichte Annette Bobenstetter aus Waging bei einem gut besuchten Treffen der Gruppe „Streuobst und Artenschutz“ der Ökomodellregion im Ottinger Oberwirt. Die Streuobstwiese in Ebing mit vierzig Hochstämmen, von der Gemeinde Waging im Jahr 2015 als Ökokontofläche angelegt, dürfte wohl die größte Obstwiese in der Region sein, die von Baumpaten ehrenamtlich betreut wird – eine Win-win-Situation für beide Seiten, wie Bobenstetter erläuterte: Denn die Gemeinde spart sich viel Pflegeaufwand und stellt eine vorbildliche Bewirtschaftung dieser Fläche sicher; die Baumpaten hegen und pflegen „ihre“ Wiese mit Begeisterung und sehen den ersten größeren Obsterträgen erwartungsvoll entgegen. Voraussetzung für die Pflege eines Obstangers in dieser Größe ist Fachwissen, wie es Annette Bobenstetter aus ihrer obstbaugeprägten schwäbischen Heimat mitgebracht hat, und die Bereitschaft, sich über Jahre hinweg um die Betreuung ihrer „Sprößlinge“ verlässlich zu kümmern – deshalb haben die Baumpaten die Sorten selbst ausgesucht oder nehmen gemeinsam an Schnittkursen teil. Während Apfelbäume, Birnen und Zwetschgen in Ebing hervorragend gedeihen, ist für Süßkirschen der Boden eher zu schwer, wie Bobenstetter anfügte.

Das Ehepaar Bobenstetter hat einen Kreis von Mit-Paten organisiert, der für die regelmäßigen Pflegearbeiten bereitsteht, vom Erziehungsschnitt bis zum gemeinsamen Gießen oder dem Ausmähen mit der Sense. Zwischen den Baumreihen mäht ein Landwirt per Traktor, den die Gemeinde damit beauftragt. Weitere Baumpaten aus der Ökomodellregion haben mit privaten Grundstücksbesitzern ähnliche Absprachen getroffen und dürfen sich so über eine Obstwiese freuen, die sie fast wie ihre eigene bewirtschaften können, während der Besitzer von Arbeit entlastet wird. Interessierte Obstwiesenbesitzer oder -paten dürfen sich weiter bei der Ökomodellregion melden.

Die Doppelnutzung eines Streuobstangers sei in Oberbayern auf Obstbaumbestand mit Wiese oder Weide beschränkt, so eröffnete Landschaftsplaner Carsten Voigt seinen Vortrag über den ökologischen Wert von Streuobstwiesen, während es z.B. in Franken auch Äcker mit Obstbäumen gebe. In seinem Abriss zur Entwicklung der Kulturlandschaft zeigte er anhand zahlreicher Beispiele, wie positiv sich eine kleinbäuerliche Bewirtschaftung mit mosaikartigen abwechslungsreichen Strukturen auf die ökologische Vielfalt auswirkt. Ein vielfältiges ökologisches Netz zu erhalten, sei nicht nur eine ethische Frage für den Menschen, sondern ermögliche ein großes Anpassungspotential z.B. bei Klimaveränderungen, sowie Ressourcen für medizinische Zwecke. Der größte Artenreichtum war im 19. Jahrhundert zu beobachten, während heute über die Hälfte aller 570 heimischen Wildbienenarten und sogar mehr als drei Viertel aller heimischen Tagfalterarten akut vom Aussterben bedroht sei. Die Züchtung früherer Kultursorten nahm einen Aufschwung, als Obst mit der Eisenbahn in die aufstrebenden Städte transportiert werden konnte, so entstand z.B. der Sonnenwirtsapfel als einer von damals über 1000 Kultursorten. Von den unzähligen früheren Lokalsorten sind z.B. die Ananasrenette oder der Waginger Kalvill (ein später Lagerapfel) übrig geblieben und werden heute wieder gepflanzt.

Alte Sorten schmecken oft eigenwilliger als heutige Sorten, man muss ihren unterschiedlichen Verwendungszweck kennen, um sie optimal nutzen zu können. Sie enthalten einen höheren Grad an Polyphenolen, das sind Bitterstoffe, die zur Abwehr der Pflanze gegen Krankheiten beitragen, aber auch der menschlichen Gesundheit nützen; manche alten Sorten werden von Apfelallergikern besser vertragen. Je größer der Obstanger, desto wertvoller wird er für viele Tierarten, das machte Voigt am Beispiel tierischer Bewohner deutlich, die Rinde, Stamm oder Blattwerk als Unterschlupf nutzen, wie Fledermäuse, Siebenschläfer oder der Buntspecht.

Für den Wert der Honigbiene entwickeln wieder mehr Menschen ein Bewusstsein; die Bestäubungsleistung von Wildbienen und Hummeln, gerade bei Wind oder kühleren Temperaturen, werde immer noch unterschätzt. Ganz wichtig sei es, im Obstanger auch Totholz zu belassen. Im Zusammenspiel mit einer extensiv bewirtschafteten Wiese oder Weide gebe es kaum einen Lebensraum, so Voigt, der artenreicher sei als ein Streuobstanger – von bis zu 70 Tagfaltern und 200 Nachtfaltern, von Bockkäfern bis zu einer enormen Biomasse an Spinnen, die wiederum als Futter für Grünspecht oder Gartenrotschwanz dienen, von Ameise bis Wildhase. Beispielsweise sei der Ameisenbläuling, ein inzwischen sehr seltener Tagfalter, in seiner Entwicklung von einer bestimmten Ameisenart und vom großen Wiesenknopf, einer Pflanze extensiv genutzter Wiesen, gleichzeitig abhängig – ein Streuobstanger ist dafür der ideale Lebensraum. Für einen Großteil der 24 bayerischen Fledermausarten dient ein Streuobstanger nicht nur als Nahrungsrevier oder Sommerquartier, sondern auch als wichtiger Strukturpunkt zur Orientierung in der Landschaft.

Anschließend informierte Voigt noch über die Förderkriterien für Neupflanzungen. Viele der jetzigen Obstanger sind älter als 60 Jahre, d.h. wenn jetzt nicht nachgepflanzt wird und diese verjüngt werden, gehen noch mehr Streuobstanger in der Zukunft verloren. Interessenten können sich für die nächste Herbstpflanzung ab acht Stück bis Mai in der Ökomodellregion (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! oder 08681/ 4005-37) oder beim LPV Traunstein melden. Anhand einer Übersichtskarte stellte Voigt die ca. 60 neuen Obstanger auf der Traunsteiner Seite der Ökomodellregion vor, die seit 2015 in Zusammenarbeit mit dem Landschaftspflegeverband angelegt wurden.

Dass das Tätigkeitsfeld der Arbeitsgruppe über Streuobst hinausgeht, bewies die rege Diskussion im Anschluss. Georg Blank, Erwerbsobstbauer aus Molbaum, hat umfangreiche Erfahrungen mit heimischen Sorten und appellierte, auf die Resistenz z.B. gegen Schorf zu achten. Alle zehn Gemeinden der Ökomodellregion haben sich verpflichtet, auf den kommunalen Flächen nicht nur auf Glyphosat, sondern generell auf Pestizide zu verzichten, erinnerte Sprecherin Beate Rutkowski. Dieser Beschluss solle durch einen Eintrag in das Netzwerk pestizidfreier Gemeinden bekanntgemacht werden, schlug sie vor. Pestizidfreiheit auf kommunalen Flächen allein sei aber zu wenig, so Teilnehmer Heini Thaler aus Otting. Um auch die Gartenbesitzer über die drängende Notwendigkeit einer ökologischen Bewirtschaftung im Sinne der Artenvielfalt aufzuklären, einigten sich die Teilnehmer auf einen Vortrag vor Beginn der Gartensaison. Einige Vertreter der Bauhöfe haben sich zum Thema „Unkrautbekämpfung ohne Pestizide“ längst fortgebildet, das Thema solle in der Ökomodellregion aber intensiviert werden. Parallel dazu sollen die Bürger informiert werden, dass Gras in den Fugen nichts mit schlampiger Bewirtschaftung zu tun hat, sondern der Beitrag der Gemeinde zum Verzicht auf Spritzmittel ist, was in den Köpfen vieler Bürger noch nicht angekommen sei, so Thaler.  Im Zusammenhang mit einer Veranstaltung zum Thema Grünlandbewirtschaftung sei vorgesehen, das Thema „Verzicht auf Glyphosat bei Neuansaat von Wiesen“ auch für Landwirte fachlich abzuhandeln, so Projektmanagerin Marlene Berger-Stöckl. Hartl Strasser, zweiter Sprecher der Arbeitsgruppe, wünscht sich dabei ergänzende Informationen zur Rinderfütterung, denn aus seiner Sicht sollten ergänzende Futtermittel auf die bestehende Grünlandbewirtschaftung abgestimmt werden und nicht umgekehrt.

Unverzichtbar seien die Landwirte, wenn es darum gehe, praktische Beispiele für das Projekt „Vernetzung von Lebensräumen“ zu schaffen, wie es schon von Beginn an in der Arbeitsgruppe vorgeschlagen worden sei, ergänzte Rutkowski thematisch, sei es durch eine Pflanzung von Hecken, durch extensiv bewirtschaftete Flecken oder einfach nur durch die Anlage eines Totholzhaufens – jeder habe dazu die Möglichkeit und man solle das Thema ab sofort bewerben. Es sei nach den Vorarbeiten gemeinsam mit der ILE-Initiative Zeit für eine praktische Umsetzung. Hans Glück erinnerte an die weiteren kommunalen Beschlüsse und schlug vor, in jedem Gemeinde- oder Stadtrat und in jeder Verwaltung einen Zuständigen zu ernennen, der sich aktiv um die Umsetzung dieser Beschlüsse kümmere.

Ein Bericht von Hans Eder (gekürzt erschienen in der Südostbayerischen Rundschau vom 16.12.2017).

Eingangsbild: Baumpatin Annette Bobenstetter (rechts) auf dem Obstanger in Ebing, Bild von Hans Eder.

Loading...
Loading...

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen.